Systemisch Gehen

Die Schnecke und das System

Es war ein wunderbarer Morgen. Die Schnecke ahnte es und sie sollte Recht
behalten: als sie zaghaft ihre Fühler ausstreckte und ihren weichen Körper
aus dem Häuschen schob, hatte sich der Nebel noch nicht ganz verzogen,
doch die ersten Sonnenstrahlen glitzerten bereits auf dem zarten Grün der
Blätter. Ja, ja, oft wurde sie wegen ihrer Lang-samkeit belächelt. Doch sie
wusste, ihren intensiven Prüfungen entging so schnell nichts und manches
Mal wunderten sich sogar ihre Freunde, wie rasch sie aus dem Blickfeld
verschwunden war. Meist war es dann lediglich ihre glitzernde Spur, die verriet, welche Richtung sie eingeschlagen hatte. Die Schnecke war sich durchaus ihrer Kraft bewusst. Sie war ebenso dankbar, ob ihres schützenden Hauses: es gab so viele Möglichkeiten – manchmal wurde ihr ganz schwindelig vom „Sturm der Zeit“. Dann genoss sie es, sich zurückzuziehen, sich nach innen zu sammeln. Ja, mitunter „Altes“ abzustreifen, um aus der Mitte heraus, neue veränderte Bewegungen möglich zu machen.

…und dann kam der (er)lösende Regen…

(Monika E. Anslik, März 2012) 

Die Pinguin-Geschichte oder: Wie man sich in seinem Element fühlt

"Endlich nach drei Tagen auf See, fester norwegischer Boden. Ich ging in den Zoo. Oder besser gesagt: Ich wankte. Im Zoo sah ich einen Pinguin auf seinem Felsen stehen. Ich dachte: "Du hast es ja auch nicht besser als ich. Immer zu Smoking? Wo ist eigentlich Deine Taille? Die Flügel sind zu klein. Du kannst nicht fliegen. Und vor allem: Hat der Schöpfer bei Dir die Knie vergessen?" Mein Urteil stand fest: Fehlkonstruktion. Dann ging ich eine kleine Treppe hinunter und sah durch eine Glasscheibe in das Schwimmbecken der Pinguine. Und da sprang "mein" Pinguin ins Wasser, schwamm dicht vor meinem Gesicht, schaute mich an, und ich spürte, jetzt hatte er Mitleid mit mir. Er war in seinem Element. Ich habe es nachgelesen: Ein Pinguin ist 10x windschnittiger als ein Porsche! Mit der Energie aus einem Liter Benzin käme er über 2500 km weit! Pinguine sind hervorragend geeignet zu schwimmen, zu jagen, zu spielen - und im Wasser viel Spaß zu haben. Sie sind besser als alles, was Menschen jemals gebaut haben. Und ich dachte: Fehlkonstruktion! Der Pinguin erinnert mich an zwei Dinge: erstens, wie schnell ich Urteile fälle, nachdem ich jemanden in nur einer Situation gesehen habe, und wie ich damit komplett daneben liegen kann. Und zweitens, wie wichtig das Umfeld ist, damit das, was man gut kann, zum Tragen kommt, zum Vorschein und zum Strahlen. Menschen ändern sich nur selten komplett und von Grund auf. Salopp formuliert: Wer als Pinguin geboren wurde, wird auch nach sieben Jahren Therapie und Selbsterfahrung in diesem Leben keine Giraffe werden. Sich für die Suche nach den eigenen Stärken, um Hilfe zu bemühen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Intelligenz. Und wenn Du merkst, Du bist ein Pinguin, schau Dich um, wo Du bist. Wenn Du feststellst, dass Du Dich schon länger in der Wüste aufhälst, liegt es nicht nur an Dir, dass es nicht "flutscht". Alles, was es braucht, sind kleine Schritte in die Richtung Deines Elements. Finde Dein Wasser. Und dann heißt es: Spring ins Kalte! Und schwimm! Und Du weißt, wie es ist, in Deinem Element zu sein."

(Dr. Eckart von Hirschhausen)   

Das ist das Leben

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich verstanden, dass ich immer und bei jeder Gelegenheit,
zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin
und dass alles, was geschieht, richtig ist –
von da an konnte ich ruhig sein.
Heute weiß ich: Das nennt man VERTRAUEN.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich verstanden, wie sehr es jemanden beschämt,
ihm meine Wünsche aufzuzwingen, obwohl ich wusste,
dass weder die Zeit reif noch der Mensch dazu bereit war
auch, wenn ich selbst dieser Mensch war.
Heute weiss ich, das nennt man SELBSTACHTUNG.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
konnte ich erkennen, dass emotionaler Schmerz und Leid
nur Warnungen für mich sind,
gegen meine eigene Wahrheit zu leben.
Heute weiß ich: Das nennt man AUTHENTISCH SEIN.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört, mich nach einem anderen Leben zu sehnen
und konnte sehen, dass alles um mich herum eine Aufforderung zum Wachsen war.
Heute weiß ich, das nennt man REIFE.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört, mich meiner freien Zeit zu berauben,
und ich habe aufgehört, weiter grandiose Projekte für die Zukunft zu entwerfen.
Heute mache ich nur das, was mir Spaß und Freude macht,
was ich liebe und was mein Herz zum Lachen bringt,
auf meine eigene Art und Weise und in meinem Tempo.
Heute weiß ich, das nennt man EHRLICHKEIT.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich mich von allem befreit, was nicht gesund für mich war,
von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen
und von Allem, das mich immer wieder hinunterzog, weg von mir selbst.
Anfangs nannte ich das „Gesunden Egoismus“,
aber heute weiß ich, das ist SELBSTLIEBE.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört, immer Recht haben zu wollen,
so habe ich mich weniger geirrt.
Heute habe ich erkannt: das nennt man (DEMUT) EINFACH-SEIN.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich mich geweigert, weiter in der Vergangenheit zu leben
und mich um meine Zukunft zu sorgen.
Jetzt lebe ich nur noch in diesem Augenblick, wo ALLES stattfindet,
so lebe ich heute jeden Tag und nenne es (BEWUSSTHEIT) VOLLKOMMENHEIT.

Als ich mich zu lieben begann,
da erkannte ich, dass mich mein Denken
armselig und krank machen kann.
Als ich jedoch meine Herzenskräfte anforderte,
bekam der Verstand einen wichtigen Partner.
Diese Verbindung nenne ich heute HERZENSWEISHEIT.

Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen,
Konflikten und Problemen mit uns selbst und anderen fürchten,
denn sogar Sterne knallen manchmal aufeinander
und es entstehen neue Welten.
Heute weiß ich: DAS IST DAS LEBEN!

zugeschrieben: Charlie Chaplin an seinem 70. Geburtstag (April 1959)

Das Mädchen und der Stein

Es war einmal ein kleines süßes blondes Mädchen, das lebte zusammen mit seiner Familie in einem wunderschönen kleinen Häuschen auf einer Wiese in der Nähe eines Waldes.

Das Mädchen liebte es, draußen in der Natur zu spielen. Sie kletterte auf Bäume, sammelte Beeren und Pilze, half ihrer Mutter im Garten, kurzum: Sie war glücklich und zufrieden. Dieses Mädchen hatte eine besondere Gabe: Sie konnte mit den Tieren sprechen. Besonders die Tiere des Waldes kamen zu ihr, die in Not waren. War ein kleines Vögelchen aus dem Nest gefallen, so wurde das Mädchen geholt, um nach einer evtl. Verletzung zu schauen und zu helfen, das Junge wieder ins Nest zu legen. War ein Reh in Not, ein Hase in eine Jägerfalle geraten, das Mädchen war zur Stelle, um sich um das Tier zu sorgen, ihm wieder auf die Beine zu verhelfen..

Die Tiere liebten das Kind und das Kind liebte „seine“ Tiere.

Oft am Abend ging das Mädchen zu einem großen rosefarbenden Stein, der am Flussufer lag. Das Mädchen setzte sich neben diesen und berichtete von seinen Sorgen und der Not der Tiere. Auch von der Hilfe, die sie den Tieren hatte zukommen lassen und von der Liebe, die Mensch und Tier miteinander verband. Sie war sehr intelligent und indem sie dem Stein vom Tag berichtete, fand sie Ruhe und Klarheit. Ihre Gedanken sortierten sich und so fand sie ihren Mittelpunkt, ihre Lebendigkeit und ihre Freude wieder.

Eines Tages, das Mädchen schaukelte gerade vergnüglich auf ihrer Baumschaukel – ihr Vater hatte ihr diese zwischen zwei schönen, starken Eichenbäumen angebracht - kam sehr aufgeregt die weise Eule aus dem Wald zu ihr geflogen. „ Komm schnell, liebes Mädchen, komm schnell, wir brauchen deine Hilfe! Die Raben sind in unseren Wald eingefallen. Sie wollen die Herrschaft über diesen Bezirk übernehmen. Unser schlauer Fuchs hat sich just heute seinen Schwanz verletzt und Rehlein wollte zu dir sausen, damit du helfen kommst. Aber die Raben krächzen und picken nach uns und verbieten, dass du dich auch nur einen Meter unserem Wald näherst. Ich konnte unbemerkt entkommen und zu dir fliegen. Wir brauchen dich – komm schnell!“ Das Mädchen brach in Tränen aus: „ Das geht nicht, liebe Eule, was soll ich denn tun? Ich bin doch nicht wirklich eine von euch. Die Raben würden nach mir picken, mein Gesicht zerkratzen. Es tut mir so leid, aber ich kann nicht.“ Und sie rannte davon und ließ die erschütterte Eule zurück.

Das Mädchen lief und lief. Sie wusste nicht wohin, hin und her, ganz ziellos, wie ihr schien – doch plötzlich, sie hatte gerade die Brücke überquert, wusste sie wohin der Weg sie trug. Da lag er: Ihr Stein! Da, er war da, so, wie sie ihn kannte: Ruhig und gelassen und so voller Stärke! Sie kauerte sich neben ihn, legte ihr tränenüberströmtes Gesicht auf seine glatte, ebene Oberfläche. Was, was konnte sie nur tun? Sie war verzweifelt, wusste sich keinen Rat. Tränen nichts als Tränen und diese ohnmächtige Wut!

Da geschah es: Plötzlich und doch, als wäre es nicht besonderes, hörte sie eine klare, tiefe, starke und doch so weiche und liebliche Stimme zu ihr sprechen: „Kleines, ach du kleines, feines und so sensibles Mädchen. So oft sitzt du hier bei mir und erzählst von den kleinen und großen Wunderwerken, die du im Wald bei den Tieren verbringst. Du bist so voller Reichtum, so voller Natürlichkeit. Horch, horch nur in dich hinein, folge deiner inneren Stimme, sie wird dich führen!“

Das Mädchen schaute verdutzt um sich. Konnte es möglich sein, war es tatsächlich der Stein, der zu ihr gesprochen hatte? Ja, kein Zweifel! Welch Wunder, welche Zuversicht! Dem Mädchen wurde warm ums Herz. Sie schaute zum Stein und ihre kleine Hand strich über seine glatte Oberfläche: „Danke, du lieber Stein. Danke, dass du hier bist, so fest und unerschütterlich.“ Sie stand auf und ging. Sie folgte dem gewohnten Pfad zum Wald, setzte sich vor diesem auf den Boden und besann sich ihrer inneren Stimme. Ihr Mund öffnete sich und sie begann zu singen, ein Lied, wie es schöner und klarer nicht sein konnte. Sie sang Melodien von alten Zeiten und jenen, die noch kommen würden. Ihr Atem, ihr Rhythmus alles war im Einklang. Und während sie so sang, geschah das Unglaubliche: Nach und nach kamen alle Tiere des Waldes zu ihr: Die Rehe, die Vögel, die Käfer, die Hasen, die Füchse. Auch der Fuchs mit dem verletzten Schwanz fand den Weg zu ihr. Niemand und nichts konnte die Tiere aufhalten. Sie folgten der Melodie, sie reihten sich um das Mädchen mit den blonden Zöpfen. Auch die Raben kamen, sie konnte der lieblichen Stimme nicht widerstehen. Auch sie wurden von der Kraft des kleinen Mädchens angezogen.

Das Mädchen hörte nicht auf zu singen. Viele Stunden saßen die Tiere und das Kind so gemeinsam vor dem Wald. Und als es anfing zu dämmern und die Stimme langsam leiser wurde, bis sie dann verstummte, erhoben sich die Raben; einer nach dem anderen. Sie flogen hoch hinauf, weit über die Baumwipfel, hoch in den Himmel. Sie flogen in die Ferne und kamen nicht wieder.

Von da an war wieder die alte Ruhe in den Wald eingekehrt. Die Tiere hatten ihren gewohnten Trott wieder gefunden. Das Mädchen kam zu ihnen, wenn sie gebraucht wurde.

Und wenn sie nicht zuhause in ihrem Garten war, fanden die Tiere sie am Fluss bei ihrem Freund dem starken und magischen Stein!

(Monika Anslik, November 2007)